War früher ALLES besser?

Nach 26 Jahren auf einem Taxi habe ich am 15.12.2017 ein letztes Mal den Schlüssel in den Schlüsselsafe gehängt und bin etwas traurig nach Hause gefahren. Ich möchte nun mit einigem Abstand die Wandlung im Taxigewerbe, aus meiner Sicht in den letzten 26 Jahren beschreiben.

Vor mehr als 26 Jahren fragte mich mein Bruder: „Hast du keine Lust Taxifahrer zu werden? Du fährst gerne Auto kennst dich in Kassel aus, also was spricht dagegen.“ Er hatte Recht mit dem was er sagte. Also, wo ist so eine Kiste und was muss ich machen? Nach dem mein Bruder mir erklärt hatte, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss, war meine Vorfreude um einiges gemindert. Aber ich habe alle Anforderungen bestanden und wurde Taxifahrer.

Ich hatte meine erste Anstellung beim Taxi Team Kassel. Natürlich als Nachtfahrer! So dachte ich jedenfalls, bis mein Chef mir sagte: „Du kannst erstmal vier Samstage und vier Sonntage am Tag fahren, damit du weist wie die ganze Sache funktioniert.“ Der Schock war groß! Ich wollte Nachtfahrer werden und nicht am Tag durch Kassel fahren. Aber gut er war der Chef!

Nach den ersten vier Wochen ging es nun als Nachtfahrer los. Ja es war tatsächlich Nacht! Richtig gefahren ist aber mein Bruder, der mir die Halteplätze in Kassel, die Gaststätten und andere Kunden zeigte. Das ganze dauerte 3 Nächte. Dann durfte ich das erste Mal allein mit einer Taxe auf die Straße. Achtung Kassel hier kommt das Beste was Kassel gesehen hat, dachte ich. Doch auch dies war ein Irrtum, wie sich am nächsten Morgen herausstellte. Ich kam um 05:00 Uhr auf den Hof. Einige KollegInnen schienen auf mich gewartet zu haben und sie konnten ihr Grinsen nicht verbergen.

Nach etwa einer Stunde wusste ich, dass ich nicht das Beste war, was Kassel jemals auf einer Taxe gesehen hatte. Dies gaben mir die KollegInnen unumwunden zu verstehen. Mein Frust war Groß! Am Abend, vor meinen zweiten Nachtschicht, sagte mein Chef: „War doch nicht schlecht. Du schaffst das. Das braucht halt alles seine Zeit!“

OK! Ich hatte Verstanden. Gut Ding braucht Weile. Mein Dienst begann immer gegen 17:00 Uhr mit dem Saugen der Taxe. Es wurden die Flüssigkeitsstände geprüft und die Scheiben geputzt. Bei Bedarf wurde in die Waschanlage gefahren. Danach ging es auf die Straße. Schnell mal 3 oder 4 Aufträge fahren. Dann nach Hause, dass Abendbrot wartet. Danach wieder in die böse Kasseler Nacht, bis zur nächsten Pause. Wir fuhren nur für die Zentrale, denn es gab genug Aufträge für alle Zentralen in Kassel.

Die Treffen mit den Kollegen – in der Gaststätte Zapfhahn – wurden so etwas wie Kult. Später wurden die nächtlichen Treffen in die ESSO Tankstelle in der Kohlenstraße verlegt. Hier schlugen wir zum Teil mit oft 20 FahrerInnen gleichzeitig auf, um unsre Pausen zu machen. Für welche Zentrale wir arbeiteten, war dabei egal. Diese Treffen hatten Kultstatus und es war ein Muss für jede und jedem dort mal vorbeizuschauen. Diese Zeit möchte ich nicht missen, da durch diese regelmäßigen nächtlichen Treffen der Respekt unter den FahrerInnen gefördert wurde. Hier wurde auch sehr offen über die Umsätze gesprochen. Das gibt es heute nicht mehr.  

In dieser Zeit lernte ich einige neue Worte, die heute viele der Kollegen und Kolleginnen nicht mehr kennen – „Pilotenfahrten“, „Essenfahrten“, „Besorgungsfahrten.“ Auch kamen zu dieser Zeit die ersten Mobiltelefone auf den Markt und sehr schnell hatten viele FahrerInnen so ein Teil und machten dann Kunden der Zentralen zu ihren eigenen.

Auch gab es bereits die Mietwagen! Deren FahrerInnen und die FahrerInnen der Taxen zollten sich aber gegenseitig Respekt. Das war der Grund warum es fast keinen Ärger mit den Mietwagen gab. Die Mietwagen fuhren in Seitenstraßen, um dort auf Fahraufträge zu warten. Wir standen an unseren Halteplätzen und haben dort auf Aufträge oder Einsteiger gewartet.

Im Zuge einiger Reformen wurden in Kassel und Umgebung viele Kasernen geschlossen. Damit waren auch viele Fahrgäste von jetzt auf gleich verschwunden und der Umsatz sackte ab, ohne dass etwas von den Zentralen gemacht wurde, um dieses Minus abzufedern. Es ging ja allen noch gut! Dass dies ein Trugschluss war, sehen wir heute bei vielen Unternehmern und Zentralen.

In diese Zeit fällt auch, das Taxen sich nicht mehr auf Halteplätzen – Rückkehrpflicht –  aufhielten wie es Vorgeschrieben ist, sondern sich nun direkt vor die Diskos stellten und dort auf Fahrgäste warteten. Die Mietwagen blieben jedoch weiter in den Seitenstraßen versteckt und haben dort auf die Anrufe oder Vermittlung gewartet. Dies sollte sich sehr bald ändern. Bald versuchten auch MietwagenfahrerInnen Fahrgäste direkt vor den Diskotheken aufzunehmen. Die TaxifahrerInnen aber, reklamierten für sich das Recht, dass nur sie vor den Diskotheken stehen zu dürften. Am Anfang konnte man so die MietwagenfahrerInnen wieder zurück in die Verstecke drängen. Heute funktioniert das nicht mehr und die TaxifahrerInnen regen sich darüber auf, dass nun auf einmal die Mietwagen für sich das gleiche Recht in Anspruch nehmen.

Hier Mal für Alle – „Recht ist keine Einbahnstraße“ – oder für die einfach Strukturierten, „was dem einem recht ist, ist dem anderen billig“.

Unstrittig ist, dass in Kassel und Umgebung zu viele Mietwagen zugelassen sind und das Geschäft immer schwieriger wird. Es ist immer weniger Umsatz zu generieren. Aber ich frage mich dennoch: „Ist es nicht sehr einfach gedacht, die Schuld einzig bei den Mietwagen zu suchen, oder gibt es auch andere Gründe dafür, dass es dem Taxigewerbe nicht sonderlich gut geht?

In 14 ca. Tagen möchte ich auf einige dieser Gründe näher eingehen, die aus meiner Sicht – genau so viel, wenn nicht mehr – Schuld an dieser Situation sind.

Euer Jack

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